Links der Woche #11

Hallo liebe Leserinnen und Leser, Freunde der gepflegten Straßenrandale und Lebenlust, Interessierte an den tollen Dingen dieser Welt.

Viel ist schon wieder passiert, seitdem in den Ligen wieder der Ball rollt. Vieles über das man sich herrlich echauffieren, amüsieren und animieren lassen kann. Ein paar Dinger haben sich bei mir wieder angesammelt, obgleich eine gewisse Zeitnot nicht nur regelmäßige Updates, sondern auch ein genaueres Verfolgen dessen, was sich so abspielt, mitunter ein wenig schwierig macht.

“Was hat sich denn da wieder bei St. Pauli getan?” lautet mal wieder die das Abendland beherrschende Frage. Nun, alles überlagernd ist da wohl das Pokalaus in Trier zu nennen. So was nennt man Pokalfluch. Bis auf eine grandiose Pokalsaison kam da in den letzten Jahren leider nie was rum und ich vermute, St.Pauli ist mittlerweile so etwas wie das Traumlos für unterklassige Dorfvereine. Chemnitz, Aue, Cottbus, jetzt Trier. Eigentlich unglaublich, dass gestandene Profis es in einer Stunde nicht hinbekommen, ein Tor gegen so ein Team zu machen. Sehr schade, ich hätte wirklich Lust auf ein paar coole Pokalspiele gehabt.

Ein paar hundert Verrückte machten sich per Sonderzug auf und ich muss sagen, dass mir Trier auch gefallen hat. Leben möchte ich da zwar wahrlich nicht, aber es ist ein hübsches Städtchen und als Geburtsort von Karl Marx natürlich durchaus eine Art Pilgerstätte. Davon inspiriert natürlich auch die Aktion zu Spielbeginn, von der ihr ein Foto auf Magischerfc.de findet. “In seinem Sessel, behaglich dumm, sitzt schweigend das deutsche Publikum”. Eine Zitat von Karl Marx, dass sicher in vielen Bereichen sehr zutreffend ist.

Geschwiegen hätte von lieber auch die Trier Fans, die in den einschlägigen Uffta-Foren große Geschichten von diesem Tag erzählen. Schon in den Links der Woche #10 waren die Fans aus Trier ja Thema. Meine “Gute Besserungs-Wünsche “ kann ich dabei nur wiederholen. Ich checke ganz einfach diese dumme Art nicht, mit Auseinandersetzungen umzugehen. Und da geht es auch nicht um unterschiedliche Wahrnehmungen einer Situation, sondern einfach um bewusst falsche Darstellungen. Wenn am Ende tatsächlich Leute von einer “guten Aktion von Trier” und “St. Pauli hat mal bekommen, was sie verdienen” berichten, dann muss ich mich vielleicht doch noch mal genauer mit Quantenmechanik und entstehenden Paralleluniversen beschäftigen. Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach mal sagen kann, dass man einen schlechten Auftritt hatte. Wir haben vor ein paar Jahren bei einem Amateurspiel schon von Barmbek-Uhlenhorst auf den Kopp bekommen, nachdem wir vor irgendwelchen Barmbeker Kneipen-Schlägern den Dicken gemacht haben und haben dabei richtig schlecht ausgesehen. Na und? Passiert. Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach sagen kann: “Sankt Pauli war bei uns in der ganzen Stadt und dass hat uns nicht gepasst. Wir waren 40 Leute und hatten Bock, uns zu wemsen und als wir am Marktplatz ankamen haben wir ziemlich flott den Kürzeren gezogen und mussten abhauen”. Ist das jetzt so eine Schande, dass ihr das nicht zugeben könnt? Dieser ganze Blödsinn von wegen nur Steine, nur Flaschen, nur Antifa. Gäääääähn! Na klar, weil in der Fußgängerzone in der komplett sanierten Stadt auch so viele Steine rumliegen und weil vom Trier Haufen nichts geflogen kam. Ist das jetzt dieser deutsche Opfermythos? Noch affiger als solche Geschichten finde ich nur noch die Leute, die sich dann extra in entsprechenden Foren anmelden, um das “klarzustellen”. Lasst euch doch einfach total egal sein, was in irgendwelchen Foren steht, von denen jeder weiß, dass die Infos einfach nur Blödsinn sind. Zur Illustration könnte ich nun viele Sätze aus einem Forum wählen – ich habe mich für diesen entschieden: “Eines ist klar,in Trier hat sich was entwickelt und da kann keiner einfach mehr hin fahren und den dicken raus hängen lassen!”. Muhahahahahahahahah! Der Volksfreund sah das Ganze dann auch schon deutlich entspannter und auch andere Lokalreporter ziehen ein positives Fazit unseres Besuchs.

  • Die 500 Gewaltbereiten haben sich also gut verhalten, doch die Welt gibt den Verfassungsexperten der Polizeigewerkschaften trotzdem die Möglichkeit, ihr Lieblingsthema zu platzieren: Vereine sollen für die Polizei zahlen. Auch die Berliner Morgenpost weiß in ihrem Artikel “Angst vor den Chaoten-Fans der Zweiten Liga” davon zu berichten und läßt Rainer Wendt Platz für seine kruden Theorien. Ich denke, es ist langsam mal an der Zeit, dass der Verfassungsschutz ihn beobachtet. Rechte Demagogen sollen nach Norwegen ja sowieso wieder mehr in den Fokus rücken. Solange wird er weiter seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen und die Polizei, die größte Gefahr für die Demokratie in Deutschland, zum Opfer der Gesellschaft und der bösen Menschen stilisieren.

    Allerdings: ““Wer jetzt noch glaubt, unsere Beamte gehen gerne zum Fußball, irrt gewaltig. Wir werden verletzt, verprügelt, bespuckt und nichts passiert“, sagte Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Für Wendt ist eine Ursache des Übels weiterhin der Alkoholausschank. „Wir müssen zu einem Alkoholverbot rund um den Fußball kommen. Da sind ja auch mal die Politiker gefordert.“” Das allerdings fände ich gut. Eigentlich finde ich alles gut, was er in diesem Absatz sagt.

  • Passend dazu hat sich magischer.fc mit den absurden Rechnungen der Polizeigewerkschaften auseinander gesetzt und dazu ein paar interessante Gedanken postuliert. Danke für die Einschätzung und hoffentlich machen sich mal ein paar mehr Vertreter der schreibenden Zunft über diesen ganzen Unsinn Gedanken, der von diesen Vereinigungen in die Welt posaunt wird.
  • Die taz hat sich in einem Interview mit der aktuellen Entwicklung rund um die Pyrotechnik in den deutschen Stadien auseinandergesetzt. Es ist schon erstaunlich, was die Initiative Pyotechnik legalisieren – Emotionen respektieren in den letzten Monaten geschafft hat. Absolut beachtlich, wenn auch für mich (so viel Besserwisserei muss erlaubt sein) nicht bis ins Letzte überraschend. Es ist einfach ein Thema, was sich für eine große Kampagne sehr eignet. Der ganze Wahnsinn rund um die Fackeln, dieses völlig übertrieben Dämonisieren seit einigen Jahren, das geht einfach völlig an den realen Gefahren vorbei. Jeder Fahnenstock in der Kurve ist gefährlicher – wer hat noch keine von Blut, Schweiß und Pisse getränkte Fahnenecke im Auge gehabt? Es gibt viel Kritik an der Initiative und viele Gruppen nehmen aus verschiedenen Gründen nicht teil, aber die Initiatoren haben es geschafft, dem Thema eine erheblich größere Diskussion zu verschaffen, als bisher möglich schien. Die Fanszenen in Deutschland haben sich deutlich geändert. Gewalt wurde in dem Maße zu einem Thema, in dem klassische Freiräume für Aktivität und Kreativität vom Staat und Verband immer mehr zerstört worden sind. Der heutige Stand der Fanszenen ist die Quittung für den Versuch, den Fußball „sauberer“ zu machen. Wenn der DFB klug ist, dann legalisieren sie die Fackeln sofort und geben den Fans damit ein Stück ihrer ursprünglichen und sehr positiv orientierten Kultur zurück. Man darf gespannt sein, wie sich das Thema weiterentwickelt, denn wenn selbst Helmut Spahn eine differenzierte Meinung hat, dann ist irgendwas im Busch. Offensichtlich arbeiten zig Gruppen an zig verschiedenen Stellen und mit zig verschiedenen Herangehensweisen an dem Thema. Mit einer Verzichtsphase soll bewiesen werden, dass die Selbstregulierung in Fankurven funktionieren kann.
  • Omonia beim Hinspiel gegen Den Haag in der Qualifikation zur Europa League. Erst Musik im Hintergrund, dann auch noch mal mit Gesängen
  • Eigentlich wäre der Knaller Balingen gegen Hollenbach sicher an vielen Fußballbegeisterten vorbei gegangen, aber glücklicherweise haben die Balinger Fans noch schnell ein Mobilisierungsplakat entworfen.
  • Die Fans des KSC haben sich auch mit den Plänen der Sicherheitsbehörden beschäftigt, eine Art Gesichtserkennung bei den Spielen zu testen. So sollen bekannte “Hooligans” erkannt und vom Stadionbesuch abgehalten werden. Wohin das führt, kann sich jeder denken. Nach aktuellen Planungen könnte auch unser Spiel in Karlsruhe betroffen sein. Neben einer schönen Choreographie haben die Karlsruher beim Spiel gegen Aachen auch eine Aktion gegen diese erschreckenden Ideen durchgeführt. Ihr findet auf der Seite “ultra1894.de” einen Bericht und rechts in der Spalte die Bilder dazu.
  • Einige Ultras aus Frankfurt haben den Heckmeck rund um ihr Spiel in Halle und die Begrenzung der Karten nicht akzeptiert und sind ohne Tickets nach Halle gefahren. Ich finde die Reisegruppe schon beachtlich. Nicht phänomenal gut, und das ist sicher auch nicht gerade das, was man unter einer Invasion versteht, aber so ein Trip zu starten, bei dem man nicht weiß, ob man überhaupt die Landesgrenze passieren wird und der ohne jede Aussicht, das Spiel zu sehen beginnt, das finde ich cool!
  • Ich hatte ja schon in einer der letzten Ausgaben von ersten Trainings in einer neuen Saison berichtet. In Griechenland ist das bei den Vereinen eigentlich immer ein großes Thema und daher lohnte sich natürlich auch wieder ein Blick in den Norden nach Thessaloniki:
    Erstes Training von Iraklis Thessaloniki
    Erstes Training PAOK
    Erstes Training Aris
  • Riot mit guter Laune-Musik. Sieht wie ein typisch englischer Pub-Besuch mit ein paar Freunden aus, oder?
  • Inhaltlich ähnlich – ein Kampf weiblicher Hooligans. Was es nicht alles gibt. Ich glaube Bayern hatte auch mal so eine weibliche Kampf-Einheit, oder?
  • Es gab ja einige Spiele ausländischer Mannschaften in Deutschland. Teilweise fand ich es erstaunlich, wie viele Fans die jeweiligen Team zu diesen Testspielen mobilisieren konnten und es sind ein paar witzige Videos entstanden.
    Unterhachingen – Galatasaray
    Galatasaray – Inter Mailand in Bochum
    PAOK in Düsseldorf 1
    PAOK in Düsseldorf 2
  • Aris im Testspiel gegen Atlético Peñarol darf natürlich nicht fehlen
  • Ein paar Sachen abseits des Breitensports sind mir auch noch begegnet:

  • Jakob Augstein in seiner Kolumne auf Spiegel Online zur BILD. Fand ich ganz gut und in einigen Bereichen sehr treffend analysiert, was er zur Rolle der Bild-Zeitung als “Anwalt des kleinen Mannes” formuliert.
  • In Griechenland gibt’s natürlich in der schlechten Situation immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Staat. In allen gesellschaftlichen Bereichen gibt es schwere Probleme und die soziale Unzufriedenheit entzündet sich an vielen Ecken. Hier in diesem Video mal wieder am Thema Bildung. Das Video ist nicht sehr besonders, aber ich finde den Wasserschlauch gegen Ende witzig. War das nicht im Stadion in Genua, wo die Auswärtsfans in den 90ern fast regelmäßig einen Feuerwehrschlauch zweckentfremdet haben?
  • Lest euch diesen Artikel mal durch. Ich hatte in der Tat einen Kulturschock. Ein Rechtssystem, dass Rache als zentrales Motiv führt ist mir irgendwie sehr, sehr fremd. Ein Typ verätzt eine Frau, weil sie seinen Heiratswunsch abgewiesen hat, Das Opfer bekommt das Recht, ihm das Augenlicht zu nehmen. Aber nur ein Auge, denn eine Frau ist ja auch laut Koran nur halb so viel wert wie ein Mann. Die Gesichtsverletzungen wiegen das aber auf und sie darf ihm doch 5 Säuretropfen in jedes Auge geben. Ich hab mich beim Lesen des Artikels wirklich geschüttelt.
  • Lacher der Woche:
    Interview für den Kinderkanal

    Musikvideo der Woche:
    Billy Joel „Piano Man“, Tokio 2006


    6 Antworten auf „Links der Woche #11“


    1. 1 pup&spinne 02. August 2011 um 14:27 Uhr

      Ach lustig,daß mit der Keilerei in Barmbek-Uhlenhorst hatte ich schon ganz vergessen.Da waren wir aber auch noch grün hinter den Ohren, hehe.Du hast recht, mensch sollte sich schon eingestehen wenn mal was schief läuft.Nur es mit Arroganz/Überheblichkeit „abzustrafen“, wie es auch in unser Fanszene gerne gemacht wird – ist es auch nicht getan!

      Schönes Update mal wieder von Dir – Forza St.Pauli

    2. 2 Buchhoolz 04. August 2011 um 9:00 Uhr

      Wir ham ganich verloren gegen BU. Ich hab mies geboxt! Eingeschissen ham die sich…nähhhmlich!

      Geiles Update! ;)

    3. 3 eslebedaslaster 04. August 2011 um 9:31 Uhr

      Naja, eingeschissen haben eher wir uns, als dieser Vollfreak mit Narben in der Fresse sich einen nach dem anderen vorgenommen hat, hahahahaha. Bis auf dich natürlich! Und mich! Ich habe natürlich auch krass gefightet und zu viert haben wir diesen andern Jahrmarkts-Boxer sogar auf Distanz halten können und nur einige Schläge kassiert. :-)

    4. 4 kyTV 04. August 2011 um 18:40 Uhr

      Herrlich, mit welch‘ einer Gelassenheit die beiden Gäste im Pub in ihren Sesseln bleiben…
      Wie immer starkes Update!

    5. 5 Theo 06. August 2011 um 19:37 Uhr

      Rache als Zentrum des Rechtssystems muss uns aber auch nicht fremd erscheinen. Man denke nur an Gäfgen und den Aufschrei als ihm Schmerzensgeld zugesprochen wurde. Die Leute wollen Täter leiden sehen – auch bei uns.

    1. 1 Von Schweinen und Menschen « After changes we are more or less the same Pingback am 03. August 2011 um 22:39 Uhr
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